E-Mobility
07.12.2020

Ladestationen an Tankstellen - eine gute Idee?

Die Bundesregierung will den schnellen Ausbau der Ladeinfrastruktur vorantreiben, dabei geraten nun die klassischen Tankstellen mehr und mehr in den Blick. Finanzminister Olaf Scholz denkt nun offen darüber nach, Ladestationen an Tankstellen per Gesetz vorzuschreiben. Nach dem Beschluss, dass nun auch Mieter und Wohnungseigentümer grundsätzlich ein Anrecht auf Installation einer Ladeeinrichtung haben, wäre dies ein erneuter Paukenschlag, denn in dem Fall müsste sich nun auch die um Ladeinfrastruktur kümmern, die bislang vom Verkauf fossiler Kraftstoffe gelebt haben und die ggf. gar kein Interesse am Stromverkauf haben. Denn, machen wir uns nichts vor, mit dem reinen Stromverkauf kann bislang kaum eine Ladesäule wirtschaftlich betrieben werden. Für viele Betreiber ist das (noch) ein Zuschussgeschäft und eine Wette auf die Zukunft.


Doch davon abgesehen darf die Frage gestellt werden, ob wir Ladestationen an Tankstellen wirklich brauchen. Bisher fuhr man zur Tankstelle und konnte nach 3-5 Minuten diese wieder verlassen. Doch laden ist nicht tanken. Auch an einer Schnellladesäule dauert es 5-15 Minuten, um 100 km an Reichweite nachzuladen. Das ist schnell, aber nicht so schnell wie tanken. Für das Laden des Akkus von 20 bis 80% - der üblich Fall beim Schnellladen - sind, je nach Fahrzeug und äußeren Bedingungen, doch 30 bis 45 Minuten einzurechnen. Wäre es also nicht besser, solche Schnellladestationen viel mehr dort aufzubauen, wo man genau diese Zeit auch verbringt? Z.B. beim Einkaufscenter oder am Sportstudio? Wer will schon 30 Minuten an einer Tankstelle verbringen? Oder ist es vlt. - insbesondere Einsteiger im Bereich Elektromobilität - nicht doch attraktiv und gleichzeitig "beruhigend" zu wissen, dass man an der bekannten Tankstelle zukünftig auch mal für 5 bis 10 Minuten Strom nach"tanken" kann?

Ich halte die Idee, Schnellladestationen an Tankstellen aufzubauen, nicht für grundsätzlich falsch - gerade aus psychologischer Sicht. Aber für den Betreiber muss sich das auch rechnen, denn High-Power-Ladestationen sind teuer im Aufbau. Für den Kunden dürfen aber keine zu hohen Ladekosten entstehen, sonst wird dieser die Stationen nicht nutzen.

Einen neuen Weg geht die Firma ME Energy aus Wildau (Brandenburg). Hier werden Schnellladestationen gebaut, die aus Biokraftstoffen vor Ort sauberen Strom für Elektrofahrzeuge erzeugen - ein teurer Stromanschluss entfällt und Tanks für den "Kraftstoff" gibt es an Tankstellen ja auch schon. Sicher eine gute Idee, den Übergang von der Tank- zur Ladestelle zu erleichtern. Berechnungen zeigen, dass der Autostrom auf diesem Wege nicht nur CO2-neutral, extrem schadstoffarm und frei von Feinstaubemissionen, sondern auch spürbar günstiger erzeugt werden kann.


Wichtig ist und bleibt, dass der Kunde zukünftig die Ladezeiten auch nutzen will, dazu gehört z.B. ein WLAN-Angebot vor Ort und ein attraktiver Shop, um schnell dringende Besorgungen zu erledigen. Neben Lebensmitteln könnten das auch kleine Bankschalter/-automaten und andere Serviceangebote sein. Dann wird die Ladezeit nicht zur Ladeweile, sondern kann sinnvoll genutzt werden.

Und dann, und nur dann, ergibt der Aufbau von Ladesäulen an Tankstellen auch Sinn. Die Tankstellen müssen sich darauf einstellen.

Bildquelle: Pixabay
Textquelle: 

3 Kommentare
2020-12-07T14:34:32Z
Montag, 07.12.2020 um 15:34 Uhr
Schön geschrieben.
Wie du schon sagst, macht das ganze auf den ersten Blick nur mit gutem "Rahmenprogramm" wirklich Sinn... also Restaurant, Wlan.. sowas.

Aber eigentlich fänd ich es viel vernünftiger, Orte mit Ladestationen auszustatten, bei denen ein gewisser Aufenthalt ohnehin schon daugehört. Also auf dem Parkplatzsupermarkt, auf dem Parkplatz des Arbeitgebers..
2020-12-07T14:38:11Z
Montag, 07.12.2020 um 15:38 Uhr
Jochen71:
Schön geschrieben.
Wie du schon sagst, macht das ganze auf den ersten Blick nur mit gutem "Rahmenprogramm" wirklich Sinn... also Restaurant, Wlan.. sowas.

Aber eigentlich fänd ich es viel vernünftiger, Orte mit Ladestationen auszustatten, bei denen ein gewisser Aufenthalt ohnehin schon daugehört. Also auf dem Parkplatzsupermarkt, auf dem Parkplatz des Arbeitgebers..


Genau das passiert ja mehr und mehr. Hier in Berlin z.B. gibt es an rund 70 LIDL-Filialen bereits Schnelllader, in Süddeutschland rollt ALDI sogar Ultra-Schnelllader aus und das wird so munter weitergehen. Hat erst mal einer angefangen, muss der nächste nachziehen - das war schon immer so und das wird auch so bleiben. Da gibt sich keiner eine Blöße. Zudem ist das einfach ein perfektes Geschäftsmodell, die großen Parkplätze nach und nach zu Ladeparks auszubauen und mit "Beton auf dem Fußboden" Geld zu verdienen.
2020-12-08T13:46:29Z
Dienstag, 08.12.2020 um 14:46 Uhr
Jochen71:
Schön geschrieben.
Wie du schon sagst, macht das ganze auf den ersten Blick nur mit gutem "Rahmenprogramm" wirklich Sinn... also Restaurant, Wlan.. sowas.

Aber eigentlich fänd ich es viel vernünftiger, Orte mit Ladestationen auszustatten, bei denen ein gewisser Aufenthalt ohnehin schon daugehört. Also auf dem Parkplatzsupermarkt, auf dem Parkplatz des Arbeitgebers..


seh ich ähnlich. Das mit den obligatorischen Ladesäulen an Tankstellen muss meiner Meinung nach nicht sein... gleichzeitig wäre es schon interessant zu wissen, was mit denen in Zukunft passiert und wie sie auf die Mobilitätswende reagieren
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