E-Mobility
27.02.2021

Kohlestrom im Elektroauto - Klimakatastrophe?

Immer und immer wieder wird Nutzer:innen von Elektrofahrzeugen vorgeworfen, diese laden große Mengen Kohlestrom, die CO2-Emissionen würde nur vom Auto zum Kraftwerk verschoben und ein Nutzen für den Klimaschutz sei gar nicht vorhanden. Ist das wirklich so?

Keine Frage, das Ziel ist natürlich, dass wir zukünftig nur noch Strom aus erneuerbaren Quellen, z.B. Sonne, Wind, Wasser und Biomasse, nutzen - nicht nur zum Autofahren, sondern auch zum Heizen und Kühlen, für alle Anwendungen zuhause, in der Industrie, in öffentlichen Gebäuden usw. Im Jahr 2020 kam bereits jede zweite Kilowattstunde aus erneuerbaren Energien, bis 2030 sollen es 65% sein und spätestens 2050 dann 100%. Bis es aber soweit ist, wird auch weiterhin ein schrumpfender Anteil aus fossilen (vor allem Kohle und Erdgas) und (bis Ende 2022) aus nuklearen Quellen stammen.  Da unser Stromnetz europäisch vernetzt ist, kommt auch Strom aus solchen Quellen aus dem Ausland zu uns, gleichwohl exportieren wir z.T. große Mengen an Grünstrom ins Ausland. 

Wer ein Elektroauto fährt, lädt mehr und mehr  Strom, der aus erneuerbaren Quellen stammt. Die Ökobilanz ist dann unbestritten positiv gegenüber einem Fahrzeug, das Benzin oder Diesel verbrennt. Wie ist es aber, wenn dann doch Kohlestrom im Akku landet? Ist das Elektroauto dann eine "Umweltsau"?

Nun, mal abgesehen davon, dass unser Strom schon immer aus verschiedenen Quellen stammt (auch die Franzosen können sich nicht zu 100% aus ihren Atomkraftwerken versorgen, umgekehrt können wir unsere Stromversorgung zu keinem Zeitpunkt zu 100% aus den verbleibenden Kohlekraftwerken sicherstellen), können wir ja dennoch diesen Worst-Case mal durchrechnen.

Strom aus Braunkohle ist besonders CO2-intensiv, rund 1,1 kg CO2 entstehen, um eine Kilowattstunde Strom zu erzeugen. An vielen Kohlekraftwerken, insb. in Ostdeutschland, wird ein Teil der entstehenden Abwärme zur Beheizung von Wohnungen, Gewächshäusern und Industriebetrieben genutzt. Diese Fernwärmenutzung reduziert bereits die Gesamtemissionen, weil lokale Heizanlagen, die auf Erdgas basieren könnten, vermieden werden. Die CO2-Bilanz verbessert sich damit bereits etwas. Wir wollen diesen Umstand hier aber mal außer Acht lassen, um die Rechnung zu vereinfachen.


Ein durchschnittliches Elektroauto, z.B. der eGolf von Volkswagen, verbraucht laut sprtmonitor.de in der Praxis 14,8 kWh pro 100 km. Hinzu müssen noch die Ladeverluste addiert werden, wir rechnen also mit 17,3 kWh/100 km (Quelle: https://www.adac.de/_ext/itr/tests/autotest/AT5678_VW_e-Golf/VW_e-Golf.pdf). Die realen Verbrauchswerte für andere Elektrofahrzeuge können nach oben oder unten abweichen.


Würde der eGolf also mit 100% Kohlestrom geladen, entstünden Emissionen in Höhe von 18,7 kg CO2 pro 100km bzw. 187 g CO2 pro km. Ein, auf der ersten Blick, stolzer Wert. Nun rechnen wir diesen in Benzin- und Dieselverbrauch um.

Pro Liter Benzin, der verbrannt wird, entstehen bereits 2,33 kg CO2; hinzu müssen die Emissionen der Vorkette (Bohrung und Förderung, weltweiter Transport - meist mit Tankschiffen, Raffinierung, erneuter Transport mit LKWs und Betrieb des Tankstellennetzes) addiert werden, die sog. graue Energie. Diese kann mit 15% angesetzt werden, somit entstehen pro Liter Benzin 2,68 kg CO2. Umgerechnet müsste ein PKW mit Ottomotor weniger als 7 Liter auf 100 km verbrauchen, um weniger CO2 zu erzeugen, als ein Elektroauto, das mit 100% Kohlestrom betrieben wird. 


Doch der Vergleich zeigt, dass der Durchschnitt der Benziner mehr als 7 Liter auf 100 km verbrauchen. Beim VW Golf (BJ 2018-2021) sind es im Durchschnitt 7,3 Liter auf 100 km. Das Elektroauto erzeugt also, selbst mit 100% Kohlestrom, weniger CO2 pro km, als ein einfacher Golf mit Ottomotor.


Und beim Diesel? Hier errechnet sich ein Wert von 3,06 kg CO2 pro verbranntem Liter, das Fahrzeug müsste weniger als 6 Liter verbrauchen, um weniger CO2 zu erzeugen, als der eGolf mit 100% Kohlestrom.


Spritmonitor zeigt, dass die meisten Diesel-PKW (BJ 2018-2021) mehr als 6 Liter Diesel pro 100 km benötigen, nämlich 6,8 Liter auf 100 km. Der Golf mit Dieselmotor liegt mit 5,8 Litern knapp darunter, jedoch kommen hier noch die CO2-Emissionen aus der Produktion und Verteilung des AdBlue hinzu, das in modernen Diesel-PKW zur Abgasreinigung benötigt wird. Erneut Gleichstand also.

Fazit: Selbst im schlimmsten Fall (Stromversorgung zu 100% aus Braunkohlestrom) und selbst unter Vernachlässigung der CO2-Gutschriften der Kohlekraftwerke durch die Fernwärmenutzung, erzeugt ein durchschnittliches Elektroauto nicht mehr CO2 pro km, als ein Diesel- oder Benziner, in den Tendenz sogar weniger, da aktuell mehr Benziner als Diesel verkauft werden. Während aber Diesel- und Benzin-PKW immer die gleichen Emissionen erzeugen, nutzt das Elektroauto den immer besser werdenden Strommix, da täglich neue Anlagen zur Stromerzeugung aus Sonne und Wind ans Netz und die Kohlekraftwerke vom Netz gehen. Weiterhin sorgt u.a. der europäische CO2-Zertifikatehandel dafür, dass durch den steigenden Strombedarf kein Gramm CO2 mehr emittiert werden darf und die verbleibenden Mengen laufend reduziert werden müssen.

Der (noch) hohe Anteil an Kohlestrom im Strommix ist also kein Argument gegen die Elektromobilität. Im Gegenteil zeigt die Elektromobilität, dass sie selbst mit dem aktuell noch hohen Anteil an Kohlestrom bereits zur Reduzierung der CO2-Emissionen beiträgt. Und dieser Beitrag wird jeden Tag größer. 

1 Kommentar
2021-04-02T20:40:00Z
Freitag, 02.04.2021 um 22:40 Uhr
Dem ist nichts hinzuzufügen euer Ehren.

Vielen Dank Julian für diese anschauliche Zusammenfassung!

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